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Es gibt wohl kein Thema im
Bereich der Kampfkunst das
gleichermaßen für
kontroverse Diskussionen
geeignet ist wie das Thema
Kata. Die einen lieben sie,
die anderen lehnen sie ab.
Es gibt Kata Spezialisten
die der Meinung sind, dass
das Wettkampfkumite kein
echtes Karate ist, ebenso
gibt es Kumite Spezialisten
die glauben Kata zu
trainieren sei verschwendete
Zeit und als Kampftraining
völlig ungeeignet.
Tatsächlich stellt sich die
Frage warum man Kata
trainieren soll, wenn Karate
doch offensichtlich zur
Selbstverteidigung im Kampf
Mann gegen Mann dient? Aber
warum wurden dann Kata
überhaupt geschaffen? Noch
dazu vor hunderten von
Jahren, wo es beim Kämpfen
tatsächlich ums Überleben
ging und nicht „nur“ um die
Vorderzähne? Möglicherweise
geht es bei der Beantwortung
dieser Frage in erster Linie
um die Mentalität der
Kampfkunstmeister
vergangener Zeiten. Und hier
kann auch nur spekuliert
werden. Eine Theorie z.B.
bezieht sich darauf, dass
mit dem Training der Kata
Kampfkunst unterrichtet
werden kann, ohne deren
Geheimnisse preiszugeben. In
diesem Fall bedeutet es,
dass ein Meister so 3 bis 5
Jahre Zeit hat um seinen
Schüler kennenzulernen und
zu entscheiden, ob er ihm
nun das wahre Kämpfen lehren
soll oder nicht. Eine
andere Theorie besagt, dass
mit der Kata das Üben der
Kampfkunst möglich war, ohne
daß Uneingeweihte allein
durch zusehen die
Geheimnisse und Techniken
der geübten Kunst erlernen
konnten. Allerdings ist
anzunehmen, dass das
Training ohnehin in der
Abgeschiedenheit
durchgeführt wurde, statt
auf Marktplätzen mit
entsprechendem
Zuschauerpotential. Das
Entwickeln einer Kata zur
Überlieferung der jeweiligen
Kampfkunst ist ebenfalls in
Betracht zu ziehen. Als
alleiniger Grund jedoch
etwas unzureichend.
Betrachtet man nun Anfänger
beim Katatraining stellt man
fest, dass ihre Bewegungen
eher unbeholfen und hölzern
wirken. Erst mit den Jahren
des Trainings entwickeln
sich körperliche
Fertigkeiten, die sich in
formvollendeten, perfekten
Bewegungen zeigen. Dies
deutet daraufhin,dass die
Kata geeignet ist
körperliche Fertigkeiten zu
entwickeln und zu verbessern.
Und dies in vielfältiger
Form. Flexibilität, Haltung,
Balance, Kontrolle,
Explosivität, Schnelligkeit,
Härte, Weichheit,
Geschmeidigkeit, Sprungkraft,
Körperspannung, Atmung,
Kraft (insbesondere der
Beinmuskulatur),
Verbesserung der muskulären
Kontrolle, Koordination,
Rhythmus, Timing, Gefühl für
Tempowechsel,
Geistesgegenwart, Gedächtnis,
und die Fähigkeit zur
Visualisierung. Und dabei
ist diese Liste keineswegs
vollständig. Vereinfacht
könnte man Kata auch als das
„Bodybuilding“ des Karate
betrachten. Wohl wissend,
dass dies lediglich ein
unzureichendes Schlagwort
ist. Tatsächlich heißt es,
dass es in früheren Zeiten
nur das Training von Kata
und Partnerübungen gab.
Kihon oder Kumite-Formen
waren unbekannt oder
unüblich. Jedoch waren
Makiwara und ähnliche
Trainingsformen von großer
Bedeutung. Grundlage für ein
tiefes Verständnis des
Karate war und ist jedoch
die Kata. Nach dem Training
der äußeren Form und dem
Erreichen der allgemeinen
körperlichen Grundlagen,
beginnt das Studium der
inneren Werte der Kata. Die
tiefgehenden, in der Kata
versteckten, Prinzipien des
Kumite werden nur anwendbar
bei weitgehendem Verständnis
der zugrundeliegenden
Biomechanik. Von ebenfalls
großer Bedeutung ist die
Fähigkeit der Beherrschung
und des Ausdrucks von
Emotionen, sowie des
Erspürens des richtigen
Moments. Dies sind
Grundlagen dafür, dass die
Kampftechniken der Kata
erfolgreich sein können. Am
erfolgreichsten sind
Techniken die Überraschen,
die vom Gegner nicht „gelesen“
bzw. erahnt werden können,
die er nicht kennt, die
unerwartet und plötzlich
ausgeführt werden, so dass
er keine Möglichkeit zur
Abwehr findet. Nicht nur
dass die Kata die hierfür
notwendigen körperlichen
Fähigkeiten schult, bei
ernsthaftem Studium der
Inhalte der Kata entwickelt
und verbessert sich auch die
geistige Auseinandersetzung
mit den Inhalten der
Kampfkünste. Es beginnt eine
unbewußte Erforschung ihrer
Geheimnisse die letztendlich
als Grundlage den Weg zu
einem tiefen Verständnis der
Möglichkeiten der Kata und
der Kampfkunst insgesamt
führt. Oberflächlich
betrachtet ist eine Kata
eine Aneinanderreihung
verschiedener Techniken,
mehr oder weniger schön
anzusehen. Analysiert man
jedoch genau die Positionen
und insbesondere die
Zielpunkte der Techniken
stellt man fest, dass viele
Techniken, bei richtiger
Ausführung, direkt auf die
Vitalpunkte deuten und zwar
unter Zurückführung der
Schlaglinie auf die
Vitalpunkte am eigenen
Körper. Es steckt
unglaublich viel
Detailwissen in den Kata und
wartet nur darauf entdeckt
zu werden. Wenn Karate die
Schatztruhe ist, so ist die
Kata der Schlüssel. Zwar bin
ich der Meinung, dass auch
ohne das Studium der Kata
eine Meisterschaft in den
Kampfkünsten erreicht werden
kann, jedoch halte ich die
Kata als das geeignetste
Instrument hierfür. Dabei
ist es keineswegs notwendig
oder sinnvoll alle Kata zu
kennen oder zu lernen.
Jedoch ist die Erforschung
und das kennenlernen
möglichst vieler Kata ein
Weg der durchaus geeignet
ist ein Gefühl für das
Mysterium Kata zu entwickeln.
Und obwohl man dabei immense
Vielseitigkeit kennen lernt,
kommt man doch immer wieder
auf bestimmte Techniken
zurück, zumal wenn diese
sich in den
unterschiedlichsten Kata
wiederfinden lassen. Und am
Ende wird man, bei all den
Kata die man kennt, sich
doch nur auf einige wenige
konzentrieren. Wenn man
einen Berg nur von einer
Seite besteigt, kennt man
auch nur diese eine Seite.
Erst wenn man alle Wege
gegangen ist, kann man den
Weg wählen den man am besten
gehen kann.
Autor: H. Haß, Januar
2002 |